Wir Kinder in einer Welt

Mit ihrem Projekt „Wir Kinder in einer Welt“ hat die Kita Rantzaustraße nicht nur die Auszeichnung als Kita21 erworben, sondern auch vorbildhaft anspruchsvolle Vorschularbeit geleistet. Das jährliche Vorschulprojekt, bei dem die Kinder intensiv über einen längeren Zeitraum an einem selbst gewählten Thema arbeiten, ist ein Standard in unseren Kinderwelt-Kitas. Die Leidenschaft und Begeisterung der Kinder beflügelt dabei auch immer Pädagogen und Eltern mit. Und ganz beiläufig werden dabei sogar Bildungsinhalte erarbeitet, die üblicherweise erst im Sachkundeunterricht der Grundschule auf dem Stundenplan stehen. Bei „Wir Kinder in einer Welt“ waren es beispielsweise um Mathematik, Erdkunde, Mathematik, Feinmotorik, Musik und Lebensmittelkunde. Wie leicht die Vermittlung von Weltwissen in der täglichen Arbeit von der Hand gehen kann, beschreibt Pädagogin Stefanie Pantas-Wusthoff aus der Kita Rantzaustraße.

„Schon in der Vergangenheit konnten wir das Interesse der Kinder an den verschiedenen Ländern der Welt beobachten und wollten diese Neugier und das offensichtliche Interesse an anderen Menschen und Ländern gerne aufgreifen. Unsere Kita besuchen fast ausschließlich deutsche Kinder, eine Einsicht in andere Kulturen und Lebensformen  ist von daher im Alltag kaum gegeben. Kinder sind aber neugierig und gehen frei und offen auf Neues zu. Wir wünschen uns, dass unsere Kinder einerseits einen Einblick in die Verschiedenheit von Menschen, Ländern, Kulturen, Lebensumständen, Sprachen, Speisen, Musik und  Bräuchen bekommen, andererseits aber auch die Möglichkeit haben Gemeinsamkeiten von Kindern in aller Welt und sich selbst feststellen zu können.

Bei unserem Projekt „Wir Kinder in einer Welt“ konnten die Kinder nicht nur über den eigenen Tellerrand schauen, sondern gleichzeitig Solidarität und Empathie erleben. Sie hatten sogar selbst Gelegenheit, die ungleiche Verteilung der Ressourcen in ihrer Welt zu erleben und selbst Ideen zu entwickeln, wie sie etwas verändern können.

Begonnen hat unser Projekt im November 2010 mit der Aktion "Weihnachten im Schuhkarton“. Kinder hatten mit ihren Eltern gemeinsam kleinere Geschenke sowie Kleidung ausgesucht, eingekauft und liebevoll Schuhkartons beklebt. Gemeinsam haben wir in der Kita dann Geschenke für Jungen und Mädchen im Alter unserer Vorschüler zusammengestellt und diese dann zur Sammelstelle gebracht.

Zur Weihnachtsfeier hatten wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Mit den Kindern haben wir besprochen, dass es nicht allen Kindern so gut geht wie uns hier und dass es Patenschaften gibt. Die Kinder waren eifrig dabei und schlugen vor, dass wir auf der Feier den Eltern Selbstgemachtes verkaufen könnten, um dafür Geld zu verdienen. Mit Hilfe von selbsgebackenem Brot an einem Bäckerstand kam Einiges für eine Patenschaft für ein vierjähriges thailändisches Mädchen zusammen.

Die nächste  Aktion zu Finanzierung der weiteren Zeit fand beim Sommerfest im Juni 2011 statt - eine Trommelaufführung mit selbst gebauten Blumentopftrommeln mit asiatischen Schrifzeichen. Wir freuen uns auf eine Fortsetzung mit verschiedenen Aktionen und "Generationen" unserer Kitakinder, bis unser Patenkind volljährig wird. Wir haben einen Brief mit gemalten Bildern und einem kleinen Geschenk an unser 4-jähriges Patenmädchen, das in Asien in einer Hütte aus Bambus und Stroh lebt, geschrieben und ihr Foto hängt gerahmt in unserem Flur in der Kita. Aufgeregt warten die Kinder auf Antwort! Durch die Patenschaft haben wir auch über die Gegend und die Menschen erfahren in der sie lebt.

Der "Adventskalender" war ein Buch mit großer Weltkarte; jeden Tag gab es eine Geschichte über ein Kind in einem anderen Land. Das Bild von dem Kind wurde dann auf das jeweilige Land auf der Weltkarte geklebt, so dass wir Weihnachten sehr viel über das Weihnachtsfest, verschiedene Bräuche und Besonderheiten der Menschen in aller Welt erfahren haben.

Darauf hin wollten die Kinder selbst eine Weltkarte malen. Akribisch und mit viel Geduld haben sie aus einem Atlas die Kontinente herausgepaust. Am Ende konnten die Kinder - motiviert nur durch ihr Interesse - bereits alle Kontinente und die eine oder andere Besonderheit der Region nennen. Die Kinder erzählten sich, wohin sie in den Urlaub fahren, und staunten wie weit das teilweise ist! Aus einem großen, blauen Gymnastikball haben wir schließlich selbst eine riesige Welt(-kugel) erschaffen. Mit farbigen Kontinenten beklebt und den Tieren, die jeweils dort leben.

Es folgte ein Theaterstück: "Die Reise nach Tripiti".Ein alter, kaputter Teddy macht sich auf die Reise in ein Land in der die nettesten Kinder der Welt leben sollen, dort wird altes Spielzeug repariert und nicht weggeworfen. Auf seiner langen, abenteuerlichen Reise durch viele Länder der Welt lernt er sehr unterschiedliche Menschen und Tiere kennen. Nur durch gegenseitige Hilfe und Solidarität der sehr unterschiedlichen Charaktere untereinander erreichen schließlich alle ihr Ziel.

Gemeinsam haben fast alle Kinder der Welt , dass sie gerne Fußball spielen und strenge Eltern nicht mögen, dass sie gerne Nudeln essen und sich im Dunklen fürchten. Es war sehr interessant, dass sich die Kinder weltweit in ihren Wünschen und Träumen sehr ähnlich sind!

Wir schauten über den eigenen Tellerrand: Was essen die Leute in Asien? In einem Asialaden bestaunten wir den Geruch sowie die Warenvielfalt, kochten ein typisches Gericht und aßen mit Stäbchen. Wir philosophierten über das Essen: Im Thailändischen heisst Reis = Essen, d.h. es gibt nur ein Wort für beides! Dort fragt man auch nicht "Wie geht es dir?" sondern "Hast du heute schon Reis gegessen?" Die Kinder finden das sehr komisch und wir überlegten, wie müsste man dann hier fragen? "Hast du heute schon Brot gegessen?"

Das steckt viel drin: Die Dimensionen unseres Projekts

Als aktuell letzte Aktion zu unserem Projekt besuchten wir einen Oxfam-Laden. Die Verkäuferin hat uns erklärt, dass man gebrauchte Sachen dort abgeben kann damit andere diese dann für wenig Geld kaufen können. Das eingenomme Geld wird dann gespendet an Menschen in aller Welt die ärmer sind als wir. Die Kinder finden, dass das eine Superidee ist! Spielsachen, die sie nicht mehr brauchen können sie also dort hinbringen, für viel weniger Geld als in den anderen Geschäften neue kaufen und tun damit sogar noch was Gutes. Wir haben uns ein Spiel gekauft und Fairtrade-Kakao und -Kaffee - und nebenbei erfahren, was "fairtrade" bedeutet.

Soziale Dimension: Unsere Kinder haben ein großes Gerechtigkeitsempfinden und waren bespielsweise faziniert bei dem Gedanken, dass durch ihr Engagement unser Patenkind die Möglichkeit hat, auch eine Kita zu besuchen und anschließend eine Schule. Das dies nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist wissen unsere Kinder, ebenso, dass ein Schulbesuch wichtig ist um später eine Arbeit zu finden um davon leben zu können. Auch das Thema des Theaterstücks drehte sich um die Solidarität untereinander; so verschieden Menschen auch sein können, so unterschiedlich ihre Herkunft auch ist  - sie tragen Verantwortung füreinander.

Kulturelle Dimension: Unser Adventskalender "Weihnachten in aller Welt" hat unseren Kindern Einblick in die verschiedenen Traditionen der Menschen in anderen Ländern gegeben. Der Einkauf im Asia-Laden sowie das fremde Essen, der Austausch mit einer anderen Kultur durch die Patenschaft, das Kennenlernen fremder Trachten, Tänze und Musik bringt den Kindern die anderen Menschen näher, gleichzeitig schauen sie im Vergleich dazu, wie es hier bei ihnen zuhause anders oder auch ähnlich ist.

Ökonomische/ökologische Dimension: Durch den Besuch bei Oxfam haben die Kinder kennengelernt, dass alte Dinge nicht weggeworfen werden müssen sondern von anderen noch gebraucht werden können. Werden Dinge lange genutzt hat dies natürlich auch einen ökonomischen Vorteil. Dazu hatten die Kinder auch die Idee einen Flohmarkt zu veranstalten; das ist im Prinzip ähnlich - ihre Kleidung oder Spielsachen können von anderen weiter verwendet werden; sie kaufen günstig wiederum von anderen (ökologisch/ökonomisch) Die Kinder haben bei Oxfam den fairen Handel kennengelern und erfahren, dass wir durch unser Handeln hier, woanders den Menschen die Möglichkeit geben, ihren Lebensunterhalt zu besteiten (ökonomische Dimension)

Mit dem Kita21-Projekt ist es uns gelungen, in den Kindern die Fähigkeit wecken sich und andere zu motivieren. Ihnen sind Zusammenhänge bewusst geworden, sie erwarben Kompetenzen, die sie zum vorrausschauendem Denken und Handeln befähigen. Das Ganze hat dabei Kindern, Team und Eltern so viel Freude bereitet, dass wir uns im kommenden Jahr ganz bestimmt wieder beteiligen werden.“

Stefanie Pantas-Wusthoff
Kita Rantzaustraße
Mai 2011